Rede für Stephan Balkenhol, Salzburg, 26. Juli 2007

Vertraute Fremde
Zu den beiden Salzburger Skulpturen von Stephan Balkenhol

Meine Damen, meine Herren –

Da steht er nun also, soeben angekommen in Salzburg, in entrückter Präsenz, als Stephan Balkenhols „Sphära“, Zwei-Meter-Mann auf der Kugel von fünf Metern Durchmesser, die Arme hat er angelegt, dicht am Körper, rechts das Standbein, links das Spielbein, dunkle Hosen, helles Hemd – da steht er und schaut, Kopf und Gesicht ein bißchen schmal, ohne besondere Regung, aber man könnte wohl denken: ein wenig verängstigt ist er vielleicht.

Und könnte allen Grund dazu haben, wer oben ist, sagt man, der sehe, dass er nicht falle, riskant durchaus ist ja sein Stand auf der Kugel, die womöglich die Weltkugel ist, prekär, kleiner Mann, was nun? Viele Fragen: Ist er, ausgesetzt in der Höhe mit unsicheren Aussichten, ein Jedermann unserer Tage? , hätten wir demnach gar uns wiederzuerkennen in ihm ? Und überhaupt: Sorgt er sich etwa auf seinem Globus wie viele sich sorgen, über den schlimmen Lauf der Dinge an nicht wenigen Orten, Gewalt, Unrecht, Ausbeutung, bedroht durch unsere Machenschaften sogar unser Raumschiff selber, vielleicht ein ratloser Klimaschützer? Oder, Du lieber Himmel, besorgt ihn vor allem, dass er so für sich, so alleine ist mit sich?

Dem Alleinsein seines Menschen hat der Künstler abhelfen wollen, aber nicht wirklich. Denn die andere Figur, die Balkenhol mit dem Mann auf der Kugel nach Salzburg hat kommen lassen, „Die Frau im Fels“, findet sich an anderer Stelle, im Toscanini-Hof, für ihn, könnte er denn sehen, nicht wahrnehmbar, abständige Nähe also, denn zu tun haben die beiden Skulpturen etwas miteinander, ausleben jedoch können sie das Verbindende nicht.

Alles ziemlich irritierend. Derart gelinde verstörend waren die Gestalten des jetzt fünfzigjährigen Stephan Balkenhol noch immer, seit sie um 1984 zuerst auf der Kunstszene erschienen und bald in Ausstellungen in Paris, in Washington, in London international Karriere machten. Sie zeigten sich als Köpfe und Büsten, dann auch als komplette Menschenbilder, zeigten sich als Vereinzelte ebenso wie in Gruppen, als Tanzpaare, Fußballspieler, Boxer, ohne Hintergründe oft, dann wieder vor Prospekten, die aus der Formensprache der modernen Malerei zitierten. Die Normalität, die sie dem ersten Blick anbieten, wird unterlaufen durch Eingriffe, die überraschend das vermeintlich Vertraute fremd werden lassen, unvertraut. Am deutlichsten wird das, wenn zum Beispiel menschlichen Körpern plötzlich Tierköpfe aufsitzen wie in einem wirren Sommernachtstraum.

Ein Ironiker, wäre hinzuzufügen, ist Balkenhol auch. Man geht nicht fehl, an seinen Einsamen wie an den Gruppen, etwas von der conditio humana zu entdecken, vom Zustand des Menschen als sich und den anderen immer zugleich Fremdem und Vertrautem, Vertrautem und Fremdem. So existentiell diese Situation ist, so ist sie doch wieder, Ernst Bloch hat das so gesehen, „auch ein Witz“. Balkenhol liegt der Gedanke so fern nicht. Die Unterhaltsamkeit seiner Menschendarstellung hat nicht zuletzt darin ihren Grund.

Darüber, ob seine Skulpturen etwas erzählen, narrativ sind, oder nicht gleichsam einfach nur da, keine Bedeutungen vorschlagen, die außerhalb ihrer unmittelbaren Gegenwart als Skulpturen liegen, ist viel spekuliert worden. Das kann auch hinsichtlich der beiden Figuren jetzt in Salzburg nicht anders sein. Die Deutungshoheit liegt allein bei jedem einzelnen Betrachter. Er wird freilich gut daran tun, dem Mann und der Frau zu belassen, was ihr Geheimnis ist, ihr Rätsel, ich kann auch sagen: ihre Individualität – denn die ist allemal, wie bei jedem von uns, immer auch bestimmt von dem, was von ihr sich gerade nicht preisgibt. Darauf besteht der Künstler unbedingt.

Er markiert damit eine eigenwillige und eigenständige Position im Kontext der bisher von der Salzburg Foundation hier installierten Arbeiten von Anselm Kiefer, Mario Merz, Marina Abramowicz, James Turrell und der Mozartfigur von Lüpertz, die zwar, ähnlich den beiden Skulpturen von Balkenhol ein Werk ist, das der erkennbaren menschlichen Gestalt gerade noch ihr Recht läßt – von Balkenhol wird jedoch das Figürliche anders zur Erscheinung gebracht, vor allem intakt gehalten. So erweitern seine beiden Gestalten das beabsichtige Panorama zeitgenössischer Ausdrucksformen der Skulptur um ein wesentliches Beispiel.

Hinsehen! heißt das Gebot für den Zuschauer, Hinsehen und sich seinen Vers machen – auch auf die Gefahr hin, dass nichts sich reimt. Und für unseren Mann da oben: Er soll mal nicht ängstlich sein, keine Bange. Der Himmel über uns läßt uns nicht untergehn. Das wollen wir doch immerhin hoffen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Peter Iden
Deutscher Theater- und Kunstkritiker

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