Rede für James Turrell, Salzburg, 3. Dezember 2006

Licht aus den Räumen der Träume

Dear James Turrell, meine Damen, meine Herren –

Wir sprechen im Zusammenhang mit der Rezeption von Werken der Kunst, das gilt für die Musik, die Literatur, das Theater und die Bildende Kunst gleichermaßen, davon, dass sie uns Erlebnisse besonderer Art ermöglichen. Der Begriff ,,Erlebnis’’ meint hier nichts anderes als das potenzielle Vermögen der Kunst, tatsächlich Teil unserer Erfahrung als Menschen zu werden, Lebensmoment, unmittelbar eingreifend in unsere Existenz : Nachher, nach einer solchen Erfahrung, wäre man ein anderer als zuvor. Rilke sah darum im Kunstwerk den Appell zur Verwaltung enthalten, die Forderung: Verändere dich, verändere dein Leben. Das ist in doppelter Hinsicht der höchste Anspruch – Anspruch an das Kunstwerk, das ihn auszulösen hätte, und Anspruch an den, der selber bereit sein muss, es sich anzuzeigen, es in diesem Sinne zu „erleben’’, Teil seines Lebens zu werden.

Dabei gibt es, von der leisen, fast unmerklichen Berührung bis zu der Art von Begegnung, die nachgerade ein Abenteuer werden kann, durchaus Unterschiede hinsichtlich von Qualität und Intensität des Erlebens, das Kunst veranlassen kann. Die Angebote, die James Turrell, dessen jüngstes Werk, ,,SKY-SPACE’’, Himmelsraum, ab heute in Salzburg öffentlich zugänglich ist, seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt hat, haben etwas von beidem: Sie sind in den Wirkungen, die sie erzeugen können, leise, vom Rezipienten verlangen sie ein hohes Maß an Empfindlichkeit – und sie sind andererseits durch das Überraschende und Kühne der Behauptung, die sie in die Welt setzen, doch auch dramatisch, immer ein Abenteuer.

Meine erste Begegnung mit einer Arbeit Turrells war ein Abenteuer ganz und gar. Ich hatte von amerikanischen Freunden von dem außerordentlichen Vorhaben gehört, in der Wüste von Arizona, in der Nähe von Flagstaff, einen vor tausenden von Jahren erloschenen Krater in ein so nie dagewesenes Observatorium des Himmels zu verwandeln. Wie hatte man sich das vorzustellen?

Ich traf mit Turrell in Flagstaff zusammen. Er war bereit, uns das damals, Anfang der achtziger Jahre, noch in Konstruktion befindliche ,,Roden Crater Projekt’’ vorzuführen und zu erläutern. Schon die Anfahrt durch die Wüste war dramatisch. Turrell fuhr in einem Jeep voraus und wies mich an, meinen Mietwagen mit möglichst hoher Geschwindigkeit über die weglose Prärie zu bewegen – ich würde andernfalls Gefahr laufen, in einer der vielen Sanddünen steckenzubleiben. Es würde dann schwierig, den Wagen da wiederherauszuholen, ich sollte mir also gefälligst Mühe geben. Die Drohung war berechtigt, ich schaffte die Strecke zu dem Krater, aber am nächsten Tag war der Motor meines Fords so versandet, dass der Wagen ausgetauscht werden musste.

Und was war da nun mitten in der Prärie zu sehen, was sollte das werden? In die Erhebung des erloschenen Vulkans, den Turrell vom Flugzeug aus entdeckt hatte – er ist ein besessener Flieger -, war ein Tunnel eingezogen und waren Gänge eingegraben worden, welche zu Aussichtspunkten führten, die ausgerichtet waren auf bestimmte Konstellationen der Gestirne zu bestimmten Jahreszeiten. Aus der Mitte der Kraterschale, deren Rand zu einer trennscharfen Rundung ausgeformt war, erschien das Himmelsgewölbe eingefasst wie ein nahes, den Betrachter in sich aufnehmendes Bild. Durch die Eingriffe in die natürliche Formation des Kraters wurde dieser so verändert, dass er zu einem idealen Ort der Wahrnehmung von Landschaft, Licht und Himmel, von Sonne, Mond und Sternen werden konnte.

Es war eine wundersame Unternehmung, wirklich, dieses ,,Roden Crater Projekt’’, ein Werk in dem größten Format, das sich denken lässt, von spektakulärem Zuschnitt – motiviert aber von einer Sehnsucht nach Stille, äußerster Intensität, Konzentration und zugleich Freiheit der Wahrnehmung. Bewegt von einem visionären Verlangen nach Transzendenz, nach Überschreitung der Grenzen unserer gewohnten Sicht auf die Welt, Verlangen nach dem Himmel, der unserer Epoche, mag sie auch noch so viele Satelliten da hinauf schicken, doch das Entfernteste, Fernstgelegene bleibt.

Während der über Jahre sich hinziehenden Arbeit an dem aufwändigen Projekt in der Wüste von Arizona hat Turrell Erfahrungen gesammelt, Erfahrungen im Umgang mit dem Raum und dem Licht, mit großer Weite und inständiger Nähe, die sich inzwischen auf mehrere, schmaler zugeschnittene, aber nicht weniger ausgreifende Installationen in Europa und Amerika ausgewirkt haben. Was Sie, meine Damen und Herren, jetzt hier in Salzburg vor Augen haben, ist die derzeit avancierteste Form eines ,,SKY-SPACE’’, zu welcher der Künstler gefunden hat.

Die Grundform ist die der Ellipse, in der Trigonometrie eine Form von größter Offenheit. Die Innenwände der Anlage werden durch eine die Farbwerte wechselnde Bespielung mit künstlichem Licht gleichsam immaterialisiert – das ist selber als Vorgang schon erstaunlich genug. Es kommt nun aber noch eine ganz ungewöhnliche, unerhörte Wirkung hinzu : Die Wechsel des künstlichen Lichts sind nämlich so angelegt, dass sie in weichen Übergängen die Farbe des Ausschnitts des Himmels, auf den die Öffnung in der Höhe des Raums den Blick freigibt, sich verwandeln lässt. Diese Verwandlungen reichen, in einem Zyklus von etwa vierzig Minuten Dauer, von sanften, hellen Tönen, für deren genaue Benennung die Sprache keine Wörter hat, bis ins Nachtschwarze. Man muss aus dem Bau heraustreten und von draußen auf den Himmel schauen, um sich klar zu werden, wie der gleiche Himmel, von innen gesehen, von anderer Tönung ist.

Was geschieht hier? Turrell thematisiert das Licht. Nicht indem er es malerisch zu erfassen versucht, wie das etwa Correggio oder Vermeer und auch noch Turner und die Impressionisten getan haben, sondern indem er es sich selber machen lässt. Das hatten, vor Turrell, schon die Künstler der europäischen ZERO-Bewegung der sechziger Jahre zum Ziel, Otto Piene, Heinz Mack, Günther Uecker in vorderster Linie. Turrells Anordnung indes geht noch weiter: Er thematisiert nicht nur das Medium, das hier zugleich Botschaft wird – vielmehr ist auch unsere Wahrnehmung der Lichtwirkung Gegenstand der Untersuchung : Weil wir in unserer Wahrnehmung der Himmelsfarbe aus dem Inneren des Raums durch die Farbwerte des Kunstlichts prädisponiert, vorbestimmt sind, sehen wir den wirklichen Himmel von drinnen anders als von draußen. So kommt Turrell Zwangsläufigkeiten der Wahrnehmung auf die Schliche, die eben so frei nicht ist wie wir sie uns zutrauen. ,,Keiner kann anders als er kann’’ – die in dieser These zusammengefassten, revolutionären Untersuchungen des während der letzten Jahre zu weltweiter Beachtung gekommen Frankfurter Hirnforschers Wolf Singer finden in der Prädisposition der Wahrnehmung, die Turrell vorführt, eine überraschende Entsprechung. Bestimmte Wahrnehmungen tätigen wir gleichsam ohne unser Zutun. Man kann sagen: Sie ereignen sich uns.

Das ist auf technischer Ebene ein physikalisch-physiologischer, auch ein mechanistischer Prozess. Zu Kunst wird er durch den Mehrwert an metaphorischer Bedeutung. ,,In Wahrheit’’, sagt nämlich Turrell, Schwärmer, der er ist, ,,in Wahrheit suche ich immer das Licht, das die Räume unserer Träume erhellt.’’ Das ist ein Ziel, mit dem der Kalifornier den Protagonisten der europäischen Romantik nahe ist, von Novalis bis zu Jean Paul. Die technisch ermittelte Pointe des sich selber malenden und dabei unsere Wahrnehmung vor-bestimmten Lichts hofft, verstanden als ein Moment von Kunst, hofft darauf, uns empfänglicher, aufmerksamer zu machen für das Außergewöhnliche am Gewohnten. Turrell hat ein tiefes Gefühl des Ungenügens daran, wie geläufig und selbstverständlich wir umgehen mit der Zeit, den Phänomenen der Natur und unserer Wahrnehmung selbst. Dabei – will er uns bedeuten – ist alles einzigartig, jeder Moment des Sehens, des Fühlens, des Denkens; jeder Augenblick des Lebens:

Unvergleichliches Ereignis, voller Geheimnis, Wunder, Schönheit.

Dear James Turrell, congratulations, this ,,SKY-SPACE’’ is truly a magnificent achievement. It is great to have it here, on this hill above Salzburg and soon – in this I am absolutely positive – within the hearts and souls of all those who will come to see and marvel at it.

Peter Iden

Peter Iden
Deutscher Theater- und Kunstkritiker

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