Rede für Anselm Kiefer, Salzburg

Lieber Anselm Kiefer, sehr geehrter Herr Bürgermeister, meine Damen, meine Herren –

Jürgen Flimm, ab diesem Jahr verantwortlich für das Schauspiel-Programm der Salzburger Festspiele, hatte sich bereit erklärt, an dieser Stelle sich zu äußern über die Bedeutung, die er dem Werk zumisst, das Anselm Kiefer heute als seine erste Arbeit für den öffentlichen Raum dem Publikum der Stadt und der Festspiele übergibt. Der Tod seines Bruders hat Flimm daran gehindert, jetzt hier zu sein; ich habe heute Morgen mit ihm gesprochen, es ist sein Wunsch, dass ich ihn vertrete. Ich überbringe besonders Ihnen, Herr Kiefer, seine herzlichsten Grüße.

Es kann sein, dass der Theatermann Flimm die Verbindung zwischen seiner Kunst und dem Werk des bildenden Künstlers gesucht hätte über den Begriff der Theatralität, die Anselm Kiefers Arbeit ebenso innewohnt wie den Inszenierungen auf den Bühnen des Festspielhauses gegenüber. Schon äußerlich sind Analogien nicht zu übersehen: Wie das Haus, das der bildende Künstler geschaffen hat, sind ja auch Theater hermetisch gegen die Umgebung sich abdichtende Räume, in denen jedoch mit höchstmöglicher Intensität gehandelt wird von der Welt und der Zeit, die ausgeschlossen nur scheinen. In einem Theater wird, wie in dem Bauwerk Kiefers Exklusivität behauptet, um deren Überwindung und Aufhebung als dringliche Aufgabe kenntlich zu machen und überhaupt zu ermöglichen. Erst indem wir, was ein Kunstwerk als besondere Realität unterscheidet von allen anderen Wirklichkeiten, auch wahrnehmen als Besonderheit, sind wir im Stande, es zu erreichen und wo möglich uns wiederzufinden darin. So ist das Abweisende, das mancher prima vista an der äußerlichen Gestalt des Baus empfinden mag, in Wahrheit Einladung: das Angebot nämlich, sich einzulassen darauf herauszufinden, was uns im Inneren in Aussicht gestellt ist.

Kiefer hat diese Offerte noch dadurch pointiert, dass er die Position des Hauses in der unmittelbaren Nachbarschaft der Kirche Fischer von Erlachs, der Universität und des Festspielhauses gegen die vorgegebenen Achsen zwar minimal, dennoch aber merklich gleichsam verkantet hat – mit dem Effekt einer leisen, und doch die Aufmerksamkeit anziehenden und sie bindenden Irritation. Der Dialog, in den der Bau eintritt mit dem urbanen Umfeld, lebt von dieser überraschenden Wendung – wie jedes Gespräch erst vital wird und zu sich kommt durch die Störung des nur Erwartbaren. Verständigung kann erst sein, wenn der Konflikt nicht vermieden wird.

Vom Äußeren zum Inneren von Kiefers Werk. Es bietet sich an, auch in dieser Hinsicht noch für einen Moment die Analogie zum Theater zu bemühen. Zwei Werke sind an gegenüberliegenden Wänden zueinander in Beziehung gesetzt. Es ist eine im engsten Sinne dramatische Begegnung, und zwar sowohl unterschiedlicher Materialien wie nicht weniger unterschiedlicher Formen und bildnerischer Genres. Die Stellage mit den sechzig bleiernen Büchern, aus denen Zweige marokkanischen Dornbuschs herauszuwachsen scheinen, ist für sich genommen eine Skulptur – erinnerungsmächtiger Verweis auf die Geschichte des Wissens von länger her, zugänglich noch und zugleich doch auch sich sperrend gegen den Zugriff. Wer danach langt, kann sich blutige Hände und Arme holen.

Dennoch ist in dieser seltsamen Bibliothek, diesem Reservoir vergangener Gedanken, Empfindungen und Kenntnisse aufgehoben, womit und woraus – als Last wie aber auch als Möglichkeit – wir noch immer leben. In ihrer Erzählung “Das dreißigste Jahr” hat Ingeborg Bachmann zu fassen versucht, was das seiner selbstbewusste, zeitgenössische Ich an Stoff mit sich führt, aus verflossener Zeit: “…ICH ernährt vom Abfall aus Geschichte, Abfälle von Trieb und Instinkt, ICH mit einem Fuß in der Wildnis und dem anderen auf der Hauptstrasse der ewigen Zivilisation. ICH undurchdringlich, aus allen Materialien gemischt, verfilzt, unlöslich und trotzdem auszulöschen durch einen Schlag auf den Hinterkopf. Zu m Schweigen gebrachtes ICH aus Schweigen…”

Das Zitat kommt nicht von ungefähr. Die zweite Arbeit von Kiefer in dem Haus – für das die gültige, treffende Bezeichnung noch fehlt, Haus klingt doch sehr alltäglich, Pavillon wäre zu leichthin, Schrein im Sinne der cella, der heiligen Zone der griechischen Tempelbauten ist vielleicht zu belastend für eine Setzung der Kunst dieser Gegenwart – die zweite Arbeit also, das großformatige Bild gegenüber der Bibliothek mit den im Blei zu Dauer gewordenen Schriften ist Ingeborg Bachmann gewidmet.

Die 1973 aus dem Leben gegangene Dichterin wäre in diesen Tagen 76 Jahre alt geworden – über ihren Tod hinaus, sagt Anselm Kiefer, befinde er sich in ständigem Austausch mit ihr. Das Bild, dem die Zeile aus einem Gedicht der Bachmann den Titel gibt, ” Wach im Zigeunerlager und wach im Wüstenzelt, es rinnt uns der Sand aus den Haaren, dein und mein Alter und das Alter der Welt misst man nicht nach den Jahren” – nimmt das Motiv der Zeit auf aus der Skulptur und führt es weiter in der Form einer mächtigen Tafel – in den eingesetzten bildnerischen Mitteln so kühn wie die Bachmann im Wagnis der Sprache ihrer Dichtungen.

Zigeunerlager und Wüstenzelt – Sprachbilder für das Nomadisierende unserer Existenz zwischen den Seins- und den Zustandsformen der Zeit. Ein Subtext der Trauer grundiert das lyrische Werk der Bachmann wie das bildnerische Anselm Kiefers – Trauer angesichts der Flüchtigkeit der Zeit und unserer Flüchtigkeit in ihr. Verdammte schmerzensreiche Vergänglichkeit: von Alters her ein Thema, das Thema in dieser Stadt. Kann immerhin sein, dass die Buchstaben A.E.I.O.U. an der Stirnwand des Hauses, durch keine Konsonanten zu sinnhaltigen Wörtern verbundene Vokale, die in der frühmittelalterlichen Emblematik wie in der Kabbala eine Rolle spielen, zwischen Skulptur und Bild einen Raum spekulativer Freiheit behaupten – was bedeuten sie? Darauf kann nun jeder sich den eigenen Vers machen, dreihundert Bedeutungen, heißt es, seien mindestens möglich. Und darüber, im verglasten Ausschnitt, immer der Salzburger Wolkenhimmel.

Ein außerordentliches Werk, das Kiefer geschaffen hat. Gegen die Epochenströmung, die immer entschiedener der Kunst den Anspruch streitig macht, selbstständige Realität zu sein, besteht es auf das Recht zu einer Setzung die autonom ist: Wirklichkeit wie keine andere. Über die Jahre hin werden Haus und Bildwerke auf viele, die sie wahrzunehmen bereit sind, die nachhaltigste Wirkung nicht verfehlen. Da bin ich ganz sicher.

Danilo Eccher
Italienischer Kunstkritiker und Kurator